80 Jahre Kriegsende – die letzten Zeitzeugen

Am Freitag, 8. Mai 2025, jährte sich zum 80. Mal die „bedingungslose Kapitulation“ des Deutschen Reichs und damit das Ende des Zweiten Weltkriegs. Unermessliches Leid, Elend, schiere Grausamkeit und ein System der Vernichtung wurden damit beendet. Über 60 Millionen Menschen hatten in dieser verheerenden Zeit den Tod erlitten. Der Preis für den bis heute bedeutenden „Tag der Befreiung“ war hoch.

Auch die Landschaft des heutigen Main-Kinzig-Kreis war 1945 gezeichnet von den Kriegsjahren und hatte die Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu verkraften. Hier hatten Täter und Opfer des Naziregimes ihr Zuhause und mussten nun auf den Folgen und Konsequenzen eine neue Zukunft bauen.

Zum Teil sind die Wunden bis heute nicht verheilt. Denn die Schreckensjahre der deutschen Nationalsozialisten sollten auch nach dem 8. Mai 1945 noch lange nachwirken.

Flucht, Vertreibung und vielfache Verletzungen der Menschenrechte sorgten für weiteren Schmerz. Insbesondere die fehlende Bereitschaft der Schuldigen, Mittäter und Wegbegleiter, diesen Irrweg der deutschen Geschichte mit allen Konsequenzen zu erkennen, machte den Neubeginn für unser Land schwer.

Die notwendige Aufklärung, Aufarbeitung und Erinnerung und ist auch im 80. Jahr nach Kriegsende wichtig und darf nicht aufhören. Denn nur die gemeinsame Anstrengung, ein solches Verbrechen an der Menschheit mit allen Kräften zu verhindern, ist der angemessene Umgang mit dieser Zeit. Daher gilt der große Respekt allen Menschen, die sich in dieser Weise engagieren sowie insbesondere allen Betroffenen, die eine Ver söhnung möglich gemacht haben. Mit Blick auf die Entwicklung unseres Landes seit dem 8. Mai 1945 soll dieser „Tag der Befreiung“ auch ein Tag der Dank barkeit und der demokratischen Grundwerte sein.

Mögen wir alle hier im Main-Kinzig-Kreis und darüber hinaus dafür Sorge tragen, dass wir dieses wertvolle Glück auch in den kommenden Jahrzehnten verdienen.

Mit dieser Ausstellung möchten wir die Erinnerungen der letzten lebenden Zeitzeugen aus unserer Region, dem Main-Kinzig-Kreis, würdigen und bewahren. Als wir vom „Zentrum für Regionalgeschichte“ den Aufruf zur Meldung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in der Presse veröffentlichten, haben wir uns gefreut, wie groß die Resonanz darauf war. Viele persönliche Berichte bieten uns einmalige Einblicke in die damaligen Geschehnisse. Einblicke, die uns helfen können, aus der Geschichte zu lernen, damit „nie wieder Krieg“ Wirklichkeit bleibt!

Ausstellungstafeln

„Achtung wegen Leichenbergung Strasse gesperrt“, Hanau 1945 (Quelle: Stadtarchiv Hanau).
„Achtung wegen Leichenbergung Strasse gesperrt“, Hanau 1945 (Quelle: Stadtarchiv Hanau).

Erich Wild, Hanau-Kesselstadt, geb. 1933

Völlig unsinnig erfolgte 9 Tage vor dem Einmarsch der US-Truppen am Montag, dem 19. März 1945 der Vernichtungsangriff durch alliierte Flieger auf Hanau. Unerklärlich gab es in dieser Nacht keinen Alarm1. Mein Vater befand sich beim Volkssturm in der Pfalz. Meine Mutter weckte mich auf. Die Kleider lagen immer griffbereit auf dem neben dem Bett stehenden Stuhl. Mit dem Kleiderbündel eilten wir in den Keller. Dort erst kleidete ich mich an.

Nach den Wehrmachtsberichten fand ein Flächenbombardement von 4:24–4:40 Uhr mit 279 Flugzeuge, die ca. 1200 Tonnen Bomben abwarfen, darunter 248 schwere und 360.000 Stabbrandbomben. Es wurden ca. 2000 Tote und die Totalzerstörung der Innenstadt erreicht. Nach der Höllennacht reichte die Sicht kilometerweit von Kesselstadt über die plattgebombte und niedergebrannte Innenstadt bis zur Dunlop.

Als am 19. März 1945 der Morgen graute, waren erschreckende Szenen zu verkraften: alte Frauen in Nachthemden, die Haare zu langen grauen Zöpfen gebunden, zogen teils mit Handwagen in das unzerstörte Kesselstadt. Für ihre wenige Habe, die ihnen verblieben war, reichte der Handwagen oder auch ein Kinderwagen aus. Diese ausgebombten Personen suchten nun eine Unterkunft.“

Maria Völker, geboren 1940, lebte zum Zeitpunkt des Angriffs auf Hanau in Ronneburg. Sie erinnert sich an die Nacht:

„Es muss so um vier Uhr morgens gewesen sein, meine Mutter ist im Haus gerannt, »Schnell, wir müssen in den Luftschutzkeller, es fallen Bomben.« (…) Hanau, 19. März, stellen Sie sich das vor, deshalb habe ich es behalten, bis in Ronneburg, 15 km weiter, es hat richtig erschüttert, es hat gewackelt. (…) Da hat mein Vater gesagt: »Jetzt ist Ende, jetzt gehen wir alle kaputt.« Wir wussten ja, dass der Luftangriff mehr auf Hanau bezogen war, aber du hast ja nur die Flugzeuge gehört. (…) Gegen Morgen sind wir wieder raus, als es schon hell war. Ja und da war ja Hanau kaputt.“

Der Feuerschein der brennenden Stadt war sogar bis Mernes zu sehen, wie Otto Desch aus Burgjoss bezeugen kann.

1 Inzwischen ist bekannt, dass aufgrund eines Scheinangriffes auf Kassel für Hanau kein Luftalarm gegeben wurde.

Das brennende Hanau. Luftaufnahme der US-Army, 19. März 1945, 9.15 Uhr morgens (Quelle: Stadt Hanau).
Das brennende Hanau. Luftaufnahme der US-Army, 19. März 1945, 9.15 Uhr morgens (Quelle: Stadt Hanau).
Jugendfoto Erich Wild auf Pferd mit Eltern (Quelle: Stadtarchiv Hanau, L1 938).
Jugendfoto Erich Wild auf Pferd mit Eltern (Quelle: Stadtarchiv Hanau, L1 938).

Erich Wild, Hanau-Kesselstadt, geb. 1933

Als Schüler hatten einige Jungen zu Hause ein Aquarium mit Warmwasserzierfischen. Diesem Hobby hatte ich mich eines Tages auch angeschlossen. (…) Dem vorausgehenden Ruf der Problemlosigkeit hatte ich als Zierfische Guppys gehalten. In einem Vollglas standen sie

auf dem Fensterbrett. Als die Guppyweibchen mit prallem

Bauch uns das Gebären ihrer Jungen andeuteten, war die Neugierde groß. Nach dem Gebären flüchteten die ca. 6 mm große Jungen sofort in die Wasserpflanzen, um sich vor dem Fraß der Guppymännchen zu schützen.

Das Vergnügen mit den Guppys dauerte nicht lange. Eines Abends, während eines Fliegerangriffs auf Hanau, detonierte eine Sprengbombe in der Nähe, deren Luftdruck nun das Fenster aufdrückte und das kleine Aquarium mit den Guppys vom Fensterbrett fegte und den Inhalt direkt in die darunter stehende Teigschüssel ergoss. Ironischerweise wollte meine Mutter von dem Teig Amerikaner backen. Das muss wohl für die angreifenden Amis als Provokation gegolten haben.

Nach der Entwarnung des Fliegeralarms war der Teig für die Amerikaner nicht mehr geeignet, aber die munter plätschernden Guppys habe ich aus dem Wasser-Teig gemisch herausgefischt und ihnen wieder ihr Element verschafft.

1944 hatten die NS-Ideologen an unserem Hoftor in Kesselstadt ihre kriegstreibenden Volksverhetzungen plakatiert! In großen weißen Lettern stand zu lesen:

»Lieber tot als Sklave, Volk ans Gewehr!«

Als 10-jähriger Junge hatte ich die Worte Sklave und Volk entfernt, so dass zu lesen war:

»Lieber tot … als ans Gewehr!«

Als Kind konnte ich nicht die Gefahr überblicken, in die ich mit meinem kindlichen Leichtsinn meine Eltern gebracht hatte. Zum Glück ging alles gut.

Nach Kriegsende verlangten Vertreter der damaligen Militärregierung von meiner Mutter die Entfernung dieser Schrift. In ihrem unbeugsamen Willen der Gerechtigkeit erklärte sie den Männern: »Wer es hingeschrieben hat, der soll es auch wegmachen!« Ich kann nicht sagen, von wem die Schrift entfernt wurde. Jedenfalls weder von meiner Mutter noch von mir.“

Rudolf Beck, Bieber, geb. 1928

Herr Beck war selbst wie fast alle Jungen während des Nationalsozialismus in der Hitlerjugend. Er empfand es als eine Art Pflicht:

„Wie man zur Schule gegangen ist, so is mer halt auch da hin.“ Das es aber doch einen etwas anderen Anstrich hatte, erlebte er, als er mit seiner Gruppe an den Westwall geschickt wurde. Mit dem Zug ging es nach Merzig im Saartal und von dort aus weiter, wo die Jungen Schützengräben ausheben mussten. Seit damals geht ihm ein bestimmtes Lied bis heute nicht aus dem Kopf und berührt ihn besonders:

„In Merzig am Bahnhof ein HJ-Junge stand,
er hielt seinen Spaten verkrampft in der Hand.
Er klagt um sein Schicksal, sein Magen war leer.
Er hat keine Heimat, kein Mütterlein mehr.
Fahr mich in die Heimat auf Vaterlands Kosten.
Lass doch den Spaten in Merzig verrosten.
Wir fahren in die Heimat in eine bessere Zeit.
Von dir mich zu trennen, ja das ist mir nicht Leid.“

Andernorts existierten abgewandelte Versionen des Liedes. So gibt es einen Bericht über Hans Pumpfer aus Sachrang im Chiemgau, der zur Vorbereitung für den Kriegseinsatz 1942 zu einer Schulung geladen wurde. Nach dem ersten Lehrgang dichteten seine Kameraden:

„Am Bergener Bahnhof ein Hitlerjunge stand,
er hielt seinen Koffer fest in der Hand,
ihn kann nichts mehr erschüttern,
kein Führer-Geschrei,
kein Führer-Geplärr,
er fährt nach Hause in eine bessere Zeit
und die nach uns kommen,
tun uns heute schon leid.“

Die Videoaufnahme in der Ausstellung zeigt Rudolf Beck beim Singen des Liedes sichtlich bewegt mit den Tränen des „betrogenen Hitlerjungen“ in den Augen.

Blick vom Kreuzberg über Merzig in das Saartal mit Bahnlinie und Bahnhof (Quelle: Postkart 1935).
Blick vom Kreuzberg über Merzig in das Saartal mit Bahnlinie und Bahnhof (Quelle: Postkart 1935).
Otto Desch als Kind vor dem Wohnhaus (Quelle: Otto Desch, Mernes).
Otto Desch als Kind vor dem Wohnhaus (Quelle: Otto Desch, Mernes).

Otto Desch, Mernes, geb. 1939

In den ersten Jahren dieses Krieges war im beschaulichen Jossgrund noch nicht allzu viel vom Geschehen an der Front bemerkbar. Es fehlten aber die Männer im Dorf; auch Vater musste einrücken. Lebensmittelkarten und Kleidermarken gaben jetzt vor, was man kaufen konnte, wenn man das nötige Kleingeld dazu hatte. Wer da keine Landwirtschaft hatte, war übel dran.“

Die Menschen auf dem Land waren auf die Erträge ihrer Landwirtschaft angewiesen. Da die meisten Männer im Krieg waren, fielen die täglichen Arbeiten auf dem Feld, Hof und im Haus den Frauen und Kindern zu. Als Unterstützung lebten auf einigen Höfen Kriegsgefangene, die dort als Knechte dienten.

„Offiziell durften Gefangene bei den Familien nicht mit am Tisch sitzen, das war streng verboten. Wer sich dem widersetzte, konnte hart bestraft werden. Trotzdem wurden viele Gefangene gut versorgt und behandelt, sodass oft ein freundschaftliches Verhältnis entstand, das selbst diesen unsäglichen Krieg überstand.“

Eine Woche vor Kriegsende kam eine Gruppe deutscher Soldaten nach Mernes, die auf dem Merneser Heiligen eine Panzersperre gegen die heranrückenden Amerikaner errichten sollte. Die Verpflegung der Soldaten war nicht mehr geregelt, weshalb sie von verschiedenen Familien versorgt wurden.

„Auch bei uns frühstückte ein ganz junger Soldat und ging dann gezwungenermaßen mit den übrigen Kumpels zum Merneser Heiligen, um die Amerikaner aufzuhalten. Am Nachmittag brachte man fünf gefallene Soldaten ins Dorf, unser Frühstücksgast war auch dabei – völlig unnötige Opfer in den letzten Kriegstagen. Die Panzersperre hat gehalten, aber drei Tage später kamen die Panzer von Burgjoss herein. Da war der Krieg zu Ende, an den Häusern wurden weiße Bettlaken gehisst. Die Kinder liefen den Befreiern entgegen, und manches Kind erhaschte einen Kaugummi oder gar ein Täfelchen Schokolade, die die Amerikaner ihnen zu warfen. »Chewinggum« war für viele das erste englische Wort, das man immer wieder hörte, wenn die Amerikaner Patrouille fuhren.“

Otto Desch auf seinem Schlitten vor dem Schafstall (Quelle: Otto Desch, Mernes).
Otto Desch auf seinem Schlitten vor dem Schafstall (Quelle: Otto Desch, Mernes).

Otto Desch, Mernes, geb. 1939

Als fünfjähriger Junge erlebte ich, wie über Mernes Luftkämpfe ausgetragen wurden und in Folge drei Flugzeuge abstürzten. Die Kartuschen der abgefeuerten Bordkanonen sammelten wir ein, um sie als Altmetall zu verkaufen. Das war noch recht spannend. Als sich aber in unserem Haus SS-Offiziere einnisteten, war der Spaß vorbei.

Unser Vater im Krieg und die Herren beschlagnahmten Zimmer und Mobiliar, da verspürte ich zum ersten Mal richtig Angst. Als dann eine schier endlose Kolonne russischer Gefangener den Orber Weg entlangkam, wussten wir, warum die feinen Herren ausgerechnet unser Haus in Beschlag nahmen: Direkt nebenan war

der große Schafstall, der sollte für ein paar Tage Herberge

für diese ausgehungerten und ausgemergelten Gestalten sein. Wir waren ja selber arm, aber so viel unbeschreib liches Elend hatten wir noch nie gesehen.

Fußlappen um die wundgelaufenen Füße, verrissene und verdreckte Klamotten, tiefliegende Augen starrten uns aus den ausgezehrten Gesichtern an. Durst, Hunger, unsagbares Elend. Etwa 200 Menschen wurden in den Schafstall gezwängt, wer ein bisschen Stroh als Schlafunterlage erhaschte, der hatte Glück. Meine Mutter und die Geschwister schleppten zig Eimer Wasser zum Schafstall, wo es dann verteilt wurde.

Zu essen gab es nichts. Die Männer bettelten uns an. Und als die Wachen im Haus waren, holten wir Kinder aus dem Keller Kartoffeln und steckten sie ihnen durch den Lattenzaun. So wanderte auch so manches Stück Brot zu den Eingesperrten, aber was ist das für so viele.

Einer der Gefangenen schenkte mir einen hölzernen Fisch aus vielen Teilen zusammengebastelt und bunt bemalt für ein paar Kartoffeln. Ich war ganz stolz auf diesen wunderschönen Fisch, aber beim nächsten Mal Wasser tragen war mein Spielzeug wieder weg. Vielleicht hat ein anderer dafür wieder etwas eintauschen können.

In dem Schafstall konnten die Gefangenen nicht bleiben, die Amerikaner rückten immer näher. Diese geschundenen und ausgezehrten Gestalten wurden durch Mernes getrieben in eine ungewisse Zukunft. Wo auf den Misthaufen der Bauern angefaulte Rüben oder Kartoffeln lagen, gab es kein Halten mehr, sie stürzten sich auf alles, was wie etwas Essbares aussah und wurden von ihren Peinigern mit Gewehrkolben niedergeknüppelt. Wohin wollte man sie noch treiben? Der Zusammenbruch war doch nicht mehr aufzuhalten.“

Kuranstalt Küppelsmühle, 1940 (Quelle: Ansichtskartenverlag Jacob Pfeifer, Bad Orb).
Kuranstalt Küppelsmühle, 1940 (Quelle: Ansichtskartenverlag Jacob Pfeifer, Bad Orb).

Ulrich Freund, Küppelsmühle Bad Orb, Jahrgang 1936

Die Küppelsmühle wurde 1940 zum Reservelazarett. 350 Verwundete waren hier untergebracht. Da meine Eltern in der Küppelsmühle wohnten, bin ich in diesem Lazarett aufgewachsen. Der Kontakt zu den Verwundeten war so nah, dass ich ihre Sorgen, Ängste und Nöte gespürt habe. Kinder sind für so etwas sehr offen. Kog nitiv habe ich nicht alles verstanden, was die Soldaten sich erzählten, aber die mitschwingenden Emotionen waren für mich offensichtlich. Was ich da gespürt habe war vor allem Angst. Kinder lernen sehr früh sich durch Angst zu schützen. Dann wechselt die Angst den Namen und heißt Furcht. Kinder fürchten sich vor der Hexe im Märchen. Soldaten fürchten sich, dass sie zurück an die Front müssen.

Ich kann heute nicht mehr sagen, was konkret die Angst und Furcht ausgelöst hat. Ich bin sicher, dass ich das kognitiv damals auch gar nicht verstanden habe. Aber das angstvolle Fühlen, das hinter den Worten stand, habe ich erspürt. Und dieses Fühlen war Teil meines Lebens, meines Erlebens als Kind.

Es war der Tag, an dem das Gerücht durchs ganze Haus ging, dass sich ein Soldat in der Toilette erhängt hätte. Am Garderobehaken. Es war wohl im Jahre 1943. Er war KV (kriegsverwendungsfähig) geschrieben worden, aber er hatte den Tod in der Toilette dem Tod an der Front vorgezogen. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass ich damals schon verstanden habe, dass er sich über sich selbst ent schieden hatte. Er wollte dem Tod zuvorkommen, indem er sich tötete.

Der Soldat war aus Orb und sein Sohn ging in die Klasse unter mir. Den ganzen Tag wurde nur über dieses eine Ereignis geredet. Wie kann man sich an einem Garderobehaken aufhängen? Er muss die Beine hochgezogen haben. Wie hat er das nur gemacht? Das war allen rätselhaft. Ich habe so viel davon gehört, dass ich am Ende glaubte den Menschen am Garderobehaken selbst gesehen zu haben. Die Erzählungen waren wie »an Bildgebende Verfahren«.“

Ulrich Freund mit Schultüte (Quelle: Ulrich Freund).
Ulrich Freund mit Schultüte (Quelle: Ulrich Freund).

Ulrich Freund, Küppelsmühle Bad Orb, Jahrgang 1936

In den Wochen vor Kriegsende ging in Orb die große Angst um: Was würde passieren, wenn die Amerikaner all die Russen, die auf der Wegscheide waren, freilassen würden? Sie würden nach Orb laufen, plündern und marodieren. Die Russen würden sich an den Orbern rächen, das war die Befürchtung.

Und dann kam der Tag. Die Verwundeten standen vor der Türe des Lazaretts und ich mitten unter ihnen. Wir sahen, wie die amerikanischen Armeefahrzeuge auf der anderen Seite Richtung Wegscheide rollten. Meine Mutter hatte in der Lazarettküche einen großen Dampfkessel mit Gemüseeintopf gekocht. Wenn sie kommen würden, würde es erstmal wichtig sein, ihren ersten Hunger zu stillen.

Und dann kamen sie. Diszipliniert und ruhig baten sie um Essen, löffelten ihren Teller leer und gingen weiter. Ich war verwundert. Das also waren die Untermenschen von denen ich in der Schule so viel gehört hatte. Pierre, einer der Franzosen, sagte zu mir: »Nun siehst du, dass ihr den Krieg verloren habt. Ich hab’s dir schon immer gesagt. Ich hatte doch immer an den Sieg des Führers geglaubt, so wie es der Lehrer H. uns in der Schule erzählt hatte«. Meine Welt brach zusammen. Und mit ihr mein Selbstwertgefühl.

Erst später erfuhr ich von den Eltern, dass sie nichts sagen durften, weil die Gefahr bestand, dass der kleine Ulrich dem Lehrer in der Schule davon berichten würde. Und dieses Risiko konnten und wollten sie nicht eingehen. So war es halt immer, und jeden Morgen in der Schule hatte ich gebetet:

Händchen heben, Köpfchen senken
und an Adolf Hitler denken
der uns über alles liebt
unser täglich Brot uns gibt

Ich ging nach oben in das Kinderzimmer, das ich mit meinem Bruder bewohnte und las im Buch über die Olympiade 1936, betrachtete dort auch die Bilder. Das war eine Zeit, in der Deutschland noch groß gewesen war. Indem ich daran dachte, ging es mir wieder besser.“

Propaganda-Plakat (Quelle: www.potatobeetle.org)
Propaganda-Plakat (Quelle: www.potatobeetle.org)

Erich Wild, Hanau-Kesselstadt, geb. 1933

Eine weitere perverse Militärstrategie war die Einschränkung oder Vernichtung der Lebensmittel, die über die Notlage der Zivilbevölkerung hinaus auch eine gewisse Wehrkraftzersetzung darstellten musste. So haben die feindlichen Bomber neben den Brand- und Sprengwaffen auch die Kartoffelkäfer als Hungerwaffe über den Feldern abgeworfen. So wurden die Kartoffelkäfer die Feinde der Lebensmittelgrundversorgung. Dieser Kampf gegen den Kartoffelkäfer mussten wir im Schulverband aufnehmen, wenn wir zu Hunderten auf die Felder ausschwärmten und die Plage der Lebensmittelbedrohung bekämpften.“

Das besagte die sogenannte Propaganda des NS-Regimes.

Tatsächlich war der Kartoffelkäfer bereits vor dem Krieg in Europa angekommen und hatte sich durch den internationalen Handel und natürliche Verbreitung zur Plage entwickelt. Zwar versuchten alle Kriegsparteien damals Schädlinge zur Schwächung der Nahrungsmittelversorgung des Feindes zu nutzen, doch es gibt keine belastbaren Beweise dafür, dass Kartoffelkäfer gezielt aus Flugzeugen über Deutschland abgeworfen wurden. Die einzigen bekannten Aufzeichnungen belegen, dass die Wehrmacht selbst Versuche zur biologischen Kriegsführung durchführte, indem sie rund 14.000 Kartoffelkäfer über der Pfalz abwarf.

Fakt ist jedoch, dass es diese Käferplage gab und das NS-Regime durch ihre Propaganda die Bevölkerung zur Bekämpfung der Tiere mobilisieren wollte.

„Diese Bekämpfung hielt auch noch in den ersten Nachkriegsjahren an, als auch damals noch von der Schule aus diese Pflanzenfresser eingesammelt wurden. In den Folgejahren wurde dann die Bekämpfung zur Privatangelegenheit. Hierzu eigneten sich die für die Damen als Novum bekannten Nylonstrümpfe als Bestäubungsbeutel am besten.“

Mölders (li.) vor einer Messerschmitt Bf 109 D-1 (Quelle: www.portal-militaergeschichte.de).
Mölders (li.) vor einer Messerschmitt Bf 109 D-1 (Quelle: www.portal-militaergeschichte.de).

Rudolf Beck, Bieber, geb. 1928

Zum Hintergrund: Werner Mölders war einer der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Jagdflieger. Er wurde 1941 zum Inspekteur der deutschen Luftwaffe ernannt. Bei einem Gespräch mit Hitler soll er darum gebeten haben, Hitler möge die kathalische Kirche Deutschlands in Ruhe lassen.

Am 22. November 1941 stürzte Werner Mölders in der Nähe von Breslau mit dem Flugzeug ab. Er und der Pilot verunglückten tödlich, was Anlass zu Spekulationen gab, die bis zum Verdacht der Sabotage durch eigene Kräfte reichten.

Anfang 1942 äußerten auch Rudolf Becks Vater Adam und dessen Bruder Gustav diese Vermutung im Beisein mehrerer Bauern. Das nahm ein Nachbarsbursche auf und erzählte es im Kreise seiner Arbeitskollegen bei Forstarbeiten. Somit kamen die Äußerungen der Brüder auch bei dem NS-linientreuen Forstsekretär an1.

Er meldete den Vorfall dem damaligen Bürgermeister, der ihn zur Strafanzeige brachte. Die Anklage lautete: „Politische Gespräche gegen die Regierung/Volks verhetzung“.

Rudolf Beck erlebte diese Ereignisse als 14-Jähriger und vermerkte später in seinen Aufzeichnungen:

„In der Nachbarschaft waren mehrere Männer im Kuhstall und wollten bei einer Geburt des Kalbes behilflich sein. Es dauerte aber länger als erwartet. So wurde viel erzählt, unter anderen auch etwas, was man in der damaligen Zeit nicht sagen durfte, auch wenn es die Wahrheit war. Die Angelegenheit wurde dem damaligen Bürgermeister Ickes erzählt. Der brachte es zur Straf-anzeige. Wir lebten lange in der Ungewissheit was daraus wird. Man hatte eine Ahnung von KZ. Meinen Onkel hatte noch mehr erzählt und wurde auch härter bestraft. Die Gerichtsverhandlung fand in Hessen Kassel statt. Für meinen Onkel waren 2 Jahre Zuchthaus und für meinem Vater 1 Jahr Gefängnis beantragt. Auf der Hinfahrt nach Kassel kamen sich aber die Zeugen und mein Vater über eins, dass mein Vater gesagt habe, er hätte das selbst nicht geglaubt. So bekam mein Onkel 1 Jahr Gefängnis und mein Vater 2 Monate. Die Strafe wurde aber auch deshalb geringer, weil der Denunziant ein Epileptiker war.“

Seine Strafe verbüßte der Onkel vom 27.7.1942 bis 17.7.1943 im Zuchthaus in Rottenburg am Neckar, während der Vater zwei Monate Gefängnis in Hanau absitzen musste. Die Strafe fiel geringer aus, weil bei dem Denunzianten eine Behinderung mit einhergehender Epilepsie festgestellt wurde.

1. Vom besagten Forstsekretär ist bekannt, dass er einen seiner Arbeiter entlassen hat, nachdem sich dieser mehrfach geweigert hatte, sich bei der NSDAP einzuschreiben.

Bahnhof Elm 1902, Südseite (Quelle: Wikimedia commons).
Bahnhof Elm 1902, Südseite (Quelle: Wikimedia commons).

Wilhelm Lotz aus Breitenbach, geb. 1935

Wilhelm Lotz kann sich noch gut an die letzten Kriegsmonate erinnern. Besonders ist ihm die Bombadierung der Bahnlinie zwischen Schlüchtern und dem Distel rasen durch feindliche Jagdbomber in Erinnerung geblieben.

„Da haben die vom Bahnhof Schlüchtern bis zum Distelrasentunnel die Bahnstrecke bombardiert. Die haben aber nicht eine einzige Bombe aufs Gleis gekriegt. Die sind immer rechts und links daneben gegangen. (…) Aber die Bombentrichter, die hat man gesehen.“

Auch die Bombardierung des Elmer Bahnhofs hat in der Familie Spuren hinterlassen. Der Schwiegervater seines Sohnes war noch ein Säugling, als im November 1944 der Bahnhof in Elm von Jagdbombern getroffen wurde. Seine Familie hatte in einem Keller unmittelbar neben dem Bahnhof Schutz gesucht. Durch die Druckwelle kollabierte bei dem Kind ein Lungenflügel, es überlebte aber zum Glück.

„Ja, die saßen dort im Keller unmittelbar neben dem Bahnhof. Und den haben die bombardiert, weil das war eine Schnittstelle Frankfurt-Würzburg oder Würzburg-Fulda. Da wollten die den Bahnhof kaputt machen.“

Auch Heinz Strott aus Sterbfritz hat diesen Vorfall noch in Erinnerung:

„Dort stand ein Munitionszug der deutschen Wehrmacht. (…) Der wurde nur mit zwei, drei Bomben getroffen und da ist der ganze Zug wie eine Kettenreaktion in die Luft geflogen, einschließlich Bahnhof. (…) Genauso, da fällt mir auch eine Begebenheit von hier ein, aber die kann ich nicht lokalisieren. Da war ein Zug liegen geblieben, der hatte Stoffe geladen. Und kurz vor Kriegsende war der liegen geblieben und der wurde geplündert, von Deutschen allerdings.“

Der beschriebene Vorfall fand am Distelrasentunnel statt. Herr Lotz war persönlich dabei. Die Schilderungen von ihm und seiner Ehefrau Inge können Sie sich an der Hörstation anhören.

Flüchtlingstreck aus den Ostgebieten durch die Lausitz nach Westen, Februar 1945 (Quelle: ullstein bild; 02640803, Fotograf: Arthur Grimm).
Flüchtlingstreck aus den Ostgebieten durch die Lausitz nach Westen, Februar 1945 (Quelle: ullstein bild; 02640803, Fotograf: Arthur Grimm).

Günther Schramm, geb. 1939 in Lobsens, in Lohrhaupten angekommen 1949

Wir haben dort eine kurze und schöne Kindheit gehabt, wir drei Kinder, vier wurden geboren, und die Edeltraut ist an den Folgen des Krieges gestorben. Also das heißt, ich kann es mal so sagen, wir wurden durchgeprügelt, alle, von den Polen.“

Mit dem Ende des Krieges begann für die Familie eine leidvolle Zeit. Der Vater galt als vermisst, die Mutter versuchte sich und ihre drei Kinder in Sicherheit zu bringen. Sie sollten sich einem Treck mit Leiterwagen anschließen, dort war aber lediglich Platz für die Tochter, die mit der Tante nach Schwerin gebracht wurde. Die Mutter musste mit beiden Söhnen im Haus ausharren.

„Dann sind wir aus der Wohnung vertrieben worden und haben dann in der Innenstadt von Lobsens ein Haus zugewiesen bekommen. Da waren aber noch zwei Familien, zwei Mütter mit Kindern. Also das ganze Haus war voller Kinder und Mütter. (…) Dann kamen russische Offiziere in das Haus, zu den Frauen. Vorher waren auch Vergewaltigungen, das war ganz normal damals im Krieg.“

Die Mutter wurde gefangengenommen, ohne dass die beiden Brüder wussten, wo sie war. Die Kinder streunten durch die Stadt, schliefen in Scheunen und suchten nach Essen. Sie erbeuteten Hühnereier, die sie roh verspeisten, um zu überleben. Sein Bruder wurde von einem Förster geschnappt und musste dort als Knecht arbeiten.

„Der hat es bei dem Förster nicht gut gehabt, (…) hat auch Schläge bekommen und so weiter. Da muss ich sagen, da habe ich es vielleicht doch ein bisschen besser gehabt. Ich bin auch hier aufgenommen worden, da aufgenommen worden. Ich hatte ja keine Schuhe mehr dann im Winter. Da waren meine Zehen angefroren. Und das hat eine polnische Krankenschwester gesehen.“

Die Krankenschwester nahm ihn mit in ihre Wohnung und behandelte ihn, um seine Zehen zu retten.

Was aus seiner Mutter wurde und wie es mit der Familie weiterging, erzählt Günther Schramm:

Die Erlebnisse waren traumatisierend.

Messerschmitt Bf 110 G-4 (Quelle: Bundesarchiv Bild 101I-377-2801-013).
Messerschmitt Bf 110 G-4 (Quelle: Bundesarchiv Bild 101I-377-2801-013).

Heinz Strott, Sterbfritz, geb. 1936

Herr Strott erinnert sich an mehrere Vorfälle in den letzten Kriegsmonaten. So beschreibt er, den Absturz eines deutschen Flugzeugs am 14. Januar 1945 über Sterbfritz.

Die Maschine vom Typ Messerschmitt Bf 110 G-4 war in

5.000 m Höhe mit einer britischen Lancester zusammen-

geprallt und konnte zwar den Rückzug antreten, verlor aber stetig an Höhe. Die Besatzung konnte, nach den Schilderungen von Herrn Strott, vor dem Aufprall mit Fallschirmen abspringen, bevor die Maschine an der Stephanskuppe bei Sterbfritz abstürzte. Der Pilot, Unteroffizier Horst Schmidt, blieb weitestgehend unverletzt und konnte den herbeieilenden Dorfbewohnern grob schildern, wo seine Kameraden, heruntergekommen waren. Einen von beiden fand man recht schnell, er war jedoch nicht mehr am Leben.

„Den hat man in der Nähe gefunden und einen weiteren hat man nicht gefunden. Es war Winter und es hatte geschneit und die hatten weiße Fallschirme. Er war zwischen Sterbfritz und Bräunings runtergekommen, aber sein Fallschirm hatte den bedeckt und man hat den im Schnee nicht gesehen. Die sind sofort in der Nacht ausgeschwärmt, verschiedene ältere Leute, und haben da geguckt. Dann hat man ihn am nächsten Mittag gefunden, da war er erfroren.“

Die beiden Soldaten wurden zunächst in der Schule aufgebahrt. Herr Strott erinnert sich, dass dadurch mehrere Tage lang die Schule ausfiel. Auch die Namen der beiden Soldaten hat Herr Strott behalten. Es handelte sich um die Unteroffizier Anton Josef Fries, 22 Jahre und Julius Morhart, 23 Jahre. Begraben wurden sie zunächst in Sterbfritz und wurden dann auf die Kriegsgräberstätte Schlüchtern umgebettet.

Auch die Lancester wurde durch den Zusammenprall so stark beschädigt, dass sie in der Nähe von Steindorf, südöstlich von Wetzlar abstürzte. Nur drei der sieben britischen Besatzungsmitglieder überlebten.

Zerstörtes Frankfurter Ostend mit Uhlandschule 1944 (Quelle: Stadtarchiv Frankfurt/M).
Zerstörtes Frankfurter Ostend mit Uhlandschule 1944 (Quelle: Stadtarchiv Frankfurt/M).

Heinz Strott, Sterbfritz, geb. 1936

Ich habe das bewusst erlebt und noch in Erinnerung. Denn wir spürten ja als Kinder die Veränderungen. Die Bevölkerung war schon dann in ziemlicher Sorge. Die ersten Kriegsjahre war das nicht der Fall. Aber als man merkte, dann ab 1944, dass es schiefgehen kann, dann war da eine gewisse Besorgnis und man achtete auf jede Kleinigkeit.“

Der Unterricht in den Schulen wurde umstrukturiert. Nicht nur, weil Kinder aus Frankfurt auf dem Land in Sicherheit gebracht wurden, sondern auch aktiv durch die örtliche Lehrerin, um den Schutz der Kinder zu gewährleisten.

„Da war eine Schule, eine Frankfurter Schule, die Uhland-Schule, die hatten Bombentreffer bekommen. Und dann haben sie die Schule teilweise evakuiert. Und die Schüler kamen mit der Bahn nach Sterbfritz. Und die wurden dann aufgeteilt in Familien. Und das führte dazu, dass wir plötzlich auf einmal 60 Schüler in der Klasse waren. (…)

Aber wir hatten eine gute Lehrerin, die hat das clever gemacht. Die ging mit uns ab März, also für die letzten Märzwochen noch, ging die mit uns raus am Waldrand und hat dann ihren Unterricht da am Waldrand gegeben. Und wenn wirklich ein Flieger kam, dann sind wir im Wald rein.“

Wie einfallsreich die Frauen seinerzeit waren, zeigte seine Mutter:

„Wir hatten eine große Hakenkreuzfahne, die war neu. Und viele haben sie verbrannt, kurz bevor die Amerikaner kamen. Aber meine Mutter war clever, die hat sie nicht verbrannt.“

Herr Strott hat drei Schwestern. Eine kam erst später zur Welt, aber für die anderen beiden hatte ihre Mutter die Hakenkreuzfahne umgenutzt.

„Die hatten knallrote Kleider. Weil es gab hier keinen Stoff und die wurden dann zu Kleidern.“

Luftbild der Wegscheide um 1945 (Quelle: www.lonesentry.com).
Luftbild der Wegscheide um 1945 (Quelle: www.lonesentry.com).

Otto Desch, Mernes, geb. 1939

1914 wurde die Wegscheide als Truppenübungsplatz angelegt, aber nicht lange als solcher genutzt. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde aus dem Gelände eine Erholungsstätte für Kinder aus Frankfurt. Ein Film aus 1928 zeugt von heiteren und unbeschwerten Tagen der Kinder. Man sieht sie beim Basteln von Handpuppen, Toben auf der Wiese und als gebannte Zuschauer eines Kaspertheaters. Kaum 10 Jahre später wurde aus dem Erholungsort ein Ort des Schreckens.

Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmt die Wehrmacht das Gelände und macht daraus das Kriegsgefangenenstammlager IX B. Anfangs wurden dort französische, britische und polnische Gefangene untergebracht. Ab 1941 waren es vorwiegend sowjetische Insassen.

Otto Desch erinnert sich: „Von den Vorgängen in den Konzentrationslagern war in Teilen der Bevölkerung nicht viel bekannt, oder es wurde vertuscht oder verdrängt.

Der Judenhass war lange genug geschürt worden und brachte in den Kriegsjahren Millionen Juden den Tod. Grausam ging es auch in Gefangenenlagern zu, wie hier auf der Wegscheide. Täglich mussten die Gefangenen ihre toten Kammeraden von der Wegscheide zum Friedhof an der Hindenburg-Straße auf Handkarren fahren – stets im Bewusstsein vielleicht am nächsten Tag selbst auf dem Karren zu liegen. Der Hunger und die zum Teil unmenschliche Behandlung raffte auch hier tausende gefangene Russen dahin.“

Auf dem Waldfriedhof südlich der Wegscheide liegen bis heute 1.430 sowjetische Kriegsgefangene in Massengräbern.

Am 2. April 1945 wurde das Gefangenenlager durch amerikanische Kräfte befreit. Den Tag der Befreiung hat die US-Army in Filmaufnahmen dokumentiert.

Eine Außenansicht der Lagergebäude. Im Hintergrund ist ein Wasserwagen zu sehen (Quelle: www.lonesentry.com).
Eine Außenansicht der Lagergebäude. Im Hintergrund ist ein Wasserwagen zu sehen (Quelle: www.lonesentry.com).
Heimatvertriebene bei der Ankunft in Wächtersbach am Untertor. Bild aus Familienalbum Anneliese Aumüller, publiziert in: „Die 10 Gebote galten nichts mehr – Zeitzeugen berichten aus der NS-Zeit und vom Kriegsende 1945 in Wächtersbach“ von Gerhard Jahn, hrsg. Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach e.V.
Heimatvertriebene bei der Ankunft in Wächtersbach am Untertor. Bild aus Familienalbum Anneliese Aumüller, publiziert in: „Die 10 Gebote galten nichts mehr – Zeitzeugen berichten aus der NS-Zeit und vom Kriegsende 1945 in Wächtersbach“ von Gerhard Jahn, hrsg. Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach e.V.

Horst Winkler, geb. 1940 im Sudetenland, in Wirtheim angekommen 1946

Als es 1945 dem Kriegsende entgegenging, lebte Horst Winkler mit seiner Familie in Wiesenberg, heute in Tschechien.

„Wir waren von der Winkler-Familie insgesamt drei Frauen, die Väter waren ja alle im Krieg und ich hatte insgesamt vier Cousins und Cousinen, alle in meinem Alter, der kleinste war ein Jahr, der älteste, mein Bruder, war sieben Jahre.“

Am 8. Mai kam der erste russische Panzer und hielt vor ihrem Haus. Die russischen Soldaten schlugen die Haustür ein und nahmen den Frauen ihren Schmuck ab. An den Armen trugen sie teils schon mehrere Uhren. Als die Soldaten fort waren, flüchtete die Familie zunächst in den nahegelegenen Wald.

„Wir haben uns dann im Wald versteckt und sind drei Tage dortgeblieben, um abzuwarten, bis die Russen wieder aus Wiesenberg weiterzogen. Sie nahmen alles Diebesgut, was sie also irgendwie transportieren konnten, mit.“

Aber mit dem Abzug der russischen Truppen sollte der Schrecken erst richtig beginnen.

„Es folgten dann auch Tage, wo die Tschechen kamen, die ebenfalls die Erlaubnis bekommen hatten, alles, was ihnen gefallen hat, aus unseren Häusern mitzunehmen. Und wenn ein Haus besonders gut gefiel, konnten sie auch dortbleiben und dieses Haus gleich bewohnen. Die dort wohnenden Deutschen wurden ausgewiesen, die mussten das Haus verlassen.“

Ein Jahr später, im Mai 1946 wurde Familie Winkler, wie die meisten Deutschen Familien aus dem heutigen Tschechien ausgesiedelt.

Wie Herr Winkler die Aussiedlung und den Empfang der Familie erlebt hat, ist in der Tonaufnahme dokumentiert.

Architekturstudent Claus Raedler (Quelle: Privat).
Architekturstudent Claus Raedler (Quelle: Privat).

Claus-Horst Raedler, geb. 1935, gest. 2020
Nacherzählt von Christine Raedler

Claus-Horst Raedler wurde am 8.9.1935 in Oels (heute Oleśnica/Niederschlesien) geboren. Er war das einzige Kind der Bürokauffrau Helene Raedler, geb. Kulik, und des Konditormeisters Fritz Raedler. Der Vater betrieb eine Bäckerei und Konditorei in exponierter Lage am „Ring“ – Ecke Badergasse/Färberstraße 12. Es waren gute Zeiten. Helene kümmerte sich um Claus – beide liebten das gemeinsame Klavierspielen und das Malen an der Staffelei.

Schon bald wurde in der Backstube auf staatlicher Anweisung Brot für die Wehrmacht gebacken. Schließlich musste Fritz Raedler zum Kriegsdienst einrücken, womit Mutter und Sohn nun auf sich gestellt waren. Fritz gerät in Sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1953 zurückkehren wird.

In der Zwischenzeit übernimmt Lene die Führung. Sie arbeitet im Lazarett und nimmt Krankendossiers auf. Als Oels schließlich nach heftigen Kämpfen durch die Rote Armee am 25. Januar 1945 eingenommen wird, sind Mutter und Sohn bereits in Richtung Westen unterwegs. Lene, die nun in einem Lazarettzug arbeitet, hat kurzerhand Sohn Claus illegal mitgenommen – mit drei Gepäckstücken und einem Schulranzen.

Der Transport kommt noch durch Chemnitz durch. Dann werden die Passagiere, einschließlich Lene und Claus, zur ihrer Sicherheit in einem Gefängnis in der Nähe von Dresden verwahrt. In dieser Nacht wird Claus von einem roten Lichtschein geweckt. Er zieht sich an den Gitterstangen hoch und entdeckt einen riesigen, roten Himmel. Fasziniert kann er die Stangen nicht loslassen. Das leuchtende Rot brennt sich in seine Linse ein. Rot ist ab da nicht mehr einfach Rot. Es wird zu seinem Rot. Es wird ihn prägen.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 flog das Royal Air Force Bomber Command einen schweren Luftangriff auf Dresden. Die Bomber kamen in zwei Wellen und warfen eine gewaltige Last an Brandbomben ab. Als die Feuer in der Stadt ineinander übergriffen, löste das einen Feuersturm aus. Der Angriff forderte über 25.000 Todesopfer.

Der Architekt und Maler Claus-Horst Raedler aus Gelnhausen griff bis zuletzt immer wieder zu seinem Rot.

Helene Raedler mit ihrem Sohn Claus, Oels 1935 (Quelle: Privat).
Helene Raedler mit ihrem Sohn Claus, Oels 1935 (Quelle: Privat).

Ausschnitt aus "Ostheimer Zeitzeugen berichten" von Waldemar Förter und Georg Brodt - Interview mit Gerhard Figge, geboren 1927 in Wallroth in 1933 nach Ostheim gezogen

Bildergalerie der Veranstaltung