Die Folgen des Klimawandels abmildern

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Karl Schrass, Klimaanpassungsmanager des Main-Kinzig-Kreises

02. Juli 2026 - Karl Schrass ist seit September 2025 Klimaanpassungsmanager im Klimateam des Main-Kinzig-Kreises. Seine Aufgabe ist es, das Klimaanpassungskonzept des Kreises gemeinsam mit den Kommunen umzusetzen. Im Interview spricht er darüber, warum Klimaanpassung längst zum Alltag gehört.

Was ist das überhaupt, Klimaanpassung, Herr Schrass?

Die meisten Menschen denken beim Thema Klima zuerst an Klimaschutz, also daran, Emissionen zu senken. Das bleibt wichtig. Die Klimaanpassung kümmert sich um etwas anderes, nämlich darum, wie wir als Gesellschaft gut durch ein Klima kommen, das sich schon verändert hat. Die Hitze der vergangenen Woche haben alle gespürt, und solche Wochen werden wir öfter erleben, genauso wie Starkregen, Trockenheit und Überflutungen. Meine Aufgabe ist es, hier vorauszuschauen. Wo wird es im Main-Kinzig-Kreis künftig kritisch, und was können wir heute schon tun? Daraus werden konkrete Maßnahmen, von kühlen Orten in den Innenstädten bis zu Flächen, die Starkregen aufnehmen können. Das Ziel ist ein Kreis, in dem Menschen auch in dreißig Jahren noch gut und gern leben.

Viele verbinden Klimaanpassung mit großen Bauprojekten. Tatsächlich beginnt sie oft viel früher, oder?

Genau. Klimaanpassung ist keine zusätzliche Aufgabe, die obendrauf gepackt wird, sondern ein Querschnittsthema. Sie passiert jeden Tag, vom Sonnenschutz an der Schule über die Entsiegelung eines Schulhofs bis hin zur Jalousie, die auf den ersten Blick gar nicht nach einer Klimaanpassungsmaßnahme aussieht. Entscheidend ist, das Thema früh mitzudenken, schon am Anfang einer Planung. Dann werden oft mehrere Wirkungen auf einmal erzielt. Nehmen Sie einen Baum neben einem Kindergarten. Er spendet Schatten für die Kinder, bindet Kohlenstoff, schafft Lebensraum und ist schlicht schön. Aus einer Maßnahme entstehen vier Wirkungen, und gerade bei knappen Mitteln ist das entscheidend. Auch für die Wirtschaft gilt das, denn stark versiegelte Gewerbegebiete werden bei Hitze und Starkregen schnell zum Problem. Wer klimaschlau plant, bekommt die Mehrfachwirkung quasi geschenkt.

Die zurückliegende Hitzewelle hat vielen Menschen vor Augen geführt, wie unterschiedlich sich Orte aufheizen. Sie haben das sogar selbst gemessen.

Ich habe während der heißen Tage eine mobile Wetterstation am Fahrrad befestigt und bin durch Gelnhausen gefahren. Ich war unter anderem am Parkplatz des Coleman-Zentrums, an der Kinzig, auf der Müllerwiese, in der Altstadt und später im Wald. Die Unterschiede waren deutlich: Am Parkplatz war es am heißesten. An der Kinzig und auf der begrünten Müllerwiese war es mindestens zwei Grad kühler. In den engen Gassen der Altstadt wurden 37 Grad gemessen. Im Wald war es am angenehmsten. Diese Messungen zeigen, welchen Unterschied Bäume, Grünflächen und unversiegelte Böden machen. Die Unterschiede sind unmittelbar spürbar. Wir stellen diese mobilen Wetterstationen den Kommunen zur Verfügung. Sie können bei Begehungen von Schulhöfen oder Innenstädten eingesetzt werden. So lassen sich heiße Bereiche erkennen und gezielt Maßnahmen entwickeln.

Woran arbeiten Sie derzeit ganz konkret?

Mein Alltag ist eine Mischung aus konkreten Projekten, Planungsarbeit und dem Erproben neuer Wege. Ich arbeite eng mit einem Kollegen im Amt 65 daran, Fördermittel für die Klimaresilienz unserer Schulen zu sichern, zum Beispiel um Schulhöfe zu entsiegeln und zu begrünen, damit die Schülerinnen und Schüler einen kühlen Pausenhof haben. Weil Klimaanpassung ein Querschnittsthema ist, besteht ein großer Teil meiner Arbeit aus Vernetzung, innerhalb der Verwaltung und darüber hinaus. Ich bin im regelmäßigen Austausch mit den Kommunen und mit Partnerinnen und Partnern außerhalb des Kreises. So lernen wir voneinander und arbeiten effizienter.

Klimaanpassung bleibt für viele ein abstrakter Begriff. Deshalb ist es mir ein Anliegen, sie mit neuen Werkzeugen und Daten greifbar zu machen – und damit umsetzbar. Wir haben eine Fülle aussagekräftiger Daten. Richtig angewendet zeigen sie, wo Risiken sind und welche Maßnahmen am meisten bringen.

Der Main-Kinzig-Kreis arbeitet eng mit seinen Kommunen zusammen. Wie funktioniert dieser Austausch?

Dafür haben wir das Klimanetzwerk ins Leben gerufen. Inzwischen treffen wir uns jeden Monat online. Die Verantwortlichen aus den Städten und Gemeinden berichten über ihre Projekte und Herausforderungen. Wir stellen neue Entwicklungen auf Kreisebene vor und sprechen über gelungene Beispiele. In allen unseren Kommunen wird wichtige Arbeit geleistet. Das Netzwerk schafft den Raum, in dem sie voneinander lernen. Oft ist Klimaanpassung für die Mitarbeitenden der Kommunen eine von vielen Aufgaben. Genau hier wollen wir entlasten. Wir helfen, passende Förderprogramme zu finden und Anträge vorzubereiten, stellen relevante Daten bereit und bündeln, wo es sinnvoll ist, Anträge mehrerer Städte und Gemeinden. Unser Ziel ist, dass gute Ideen nicht am Aufwand scheitern.

Können sich auch Bürgerinnen und Bürger an das Klimateam wenden?

Ja, sehr gern. Erreichbar sind wir über unsere Klimahotline oder per E-Mail an das Klimateam. Wir helfen bei Fragen rund um Klimawandel, Klimaschutz und Klimaanpassung, etwa zur Verschattung eines Spielplatzes oder zum Zurückhalten von Regenwasser. Wir recherchieren zu Fördermöglichkeiten und vermitteln passende Ansprechpersonen. Für Schulen, Vereine und Gruppen halten wir Materialien zur Klimabildung zum Ausleihen bereit. Wir kommen auch gern vorbei, um über unsere Arbeit zu sprechen. Alle können selbst etwas tun, und nicht jede wirksame Maßnahme kostet viel Geld. Eine Regentonne spart Wasser im Garten, Pflanzen auf Balkon oder Terrasse sorgen für Kühlung, und ein etwas höher wachsender Rasen schafft ein besseres Mikroklima. Kleine Schritte zählen. Gute Beispiele wirken oft ansteckend. Wenn jemand seinen Vorgarten begrünt, macht es der Nachbar vielleicht irgendwann auch.

Wo soll der Main-Kinzig-Kreis in einigen Jahren beim Thema Klimaanpassung stehen?

Mit dem Klimaanpassungskonzept hat der Main-Kinzig-Kreis in Hessen echte Pionierarbeit geleistet. Jetzt kommt es auf die Umsetzung des Klimakonzepts an, und das schaffen wir nur gemeinsam, indem wir bestehende Partnerschaften stärken und neue aufbauen. Die zurückliegende Hitzewelle hat gezeigt, dass wir keine Zeit verlieren dürfen. Die Folgen des Klimawandels sind da und spürbar. Zugleich liegt darin eine Chance. Wir können den Wandel zum Anlass nehmen, unsere Region nicht nur widerstandsfähiger zu machen, sondern auch lebendiger, grüner und wirtschaftlich stark, für die Generationen nach uns.

Klimateam des Main-Kinzig-Kreises

Das Klimateam des Main-Kinzig-Kreises unterstützt die Städte und Gemeinden bei beiden Aufgaben, begleitet Projekte und berät zu Fördermöglichkeiten. Zum Team gehört neben Klimaanpassungsmanager Karl Schrass auch Gwendolyn Thompson, Sachbearbeiterin im Bereich Klimaschutz. Die beiden sind unter folgender E-Mail erreichbar: klimateam@mkk.de.